Online Workshop [1.07. – 15.9.2011]

WAS IST JAZZ:KRITIK?

 

Der Kritiker ist ein wichtiger Partner der deutschen Jazzszene. Er vermittelt aktuelle Projekte genauso wie aktuelle künstlerische und ästhetische Diskurse. Er berichtet mit kritischer Distanz über Konzerte, Festivals, Veröffentlichungen oder sonstige Aktivitäten der Szene; die Jazzkritik unterstützt die Präsenz des Jazz in der öffentlichen Wahrnehmung und hilft damit allen Beteiligten dieser Szene: den Musikern genauso wie Veranstaltern, Agenten, Labels, Fans. In Fachmagazinen schreiben meist Jazzkenner für Jazzkenner; in vielen Tageszeitungen und Online-Portalen aber fehlt oft genug das kritische Fachwissen über improvisierte Musik.


jazz:kritik richtet sich insbesondere auch an Mitarbeiter von Tageszeitungen oder Onlinemedien, denen wir hier die Möglichkeit geben wollen, von erfahrenen Musikjournalisten hinzuzulernen und so ihr Handwerkszeug in Bezug auf Jazz und aktuelle Musik noch besser verwenden zu können.


jazz:kritik ist zugleich Online-Wettbewerb für Musikkritiker und solche, die es werden möchten und ein Workshop, bei dem Teilnehmer ein qualifiziertes Feedback auf die von ihnen verfassten Rezensionen von einer erfahrenen und renommierten Jury erhalten.


Mitmachen können also Interessierte an dem Bereich Musikjournalismus, natürlich auch bereits praktizierende Freiberufler, etablierte Journalist/innen und Schreiber/innen mit Interesse an Jazz und aktueller Musik ... aber auch alle, die sich einmal als Kritiker ausprobieren oder ihre verborgenen Talente wecken wollen.

1   NILS WÜLKER GROUP
     »Threesomething«

NILS WÜLKER GROUP live in Hamburg: "Threesomething" (comp. Nils Wülker); Aufgenommen am 24. März 2010 @... weiterlesen ]
NILS WÜLKER GROUP live in Hamburg: "Threesomething" (comp. Nils Wülker);
Aufgenommen am 24. März 2010 @ Fabrik;
Besetzung: Nils Wülker (trumpet), Jan von Klewitz (alto sax), Arne Jansen (guitar), Lars Duppler (rhodes, moog), Edward Maclean (bass), Jens Dohle (drums)

Informationen zum Konzert: Bei dem Konzert in der Hamburger Fabrik präsentierte Nils Wülker mit seiner um den Gitarristen Arne Jansen erweiterten "Nils Wülker Group" das Programm aus seinem im März 2010 erschienenen Album "6" (Ear Treat Music, 2010). Der Titel "Threesomething" befindet sich auf dieser CD. Text einklappen ]

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vor 2198 Tagen veröffentlicht

Jazz - irgendwie

von mikro

Sie könnten eine Schülerband sein, die sechs schüchternen jungen Herren in gedeckten Farben. Sie stehen auf der Bühne der altehrwürdigen Hamburger Fabrik und fangen wortlos an zu spielen. "Threesomething", sinngemäß "Drei... weiterlesen ]

Sie könnten eine Schülerband sein, die sechs schüchternen jungen Herren in gedeckten Farben. Sie stehen auf der Bühne der altehrwürdigen Hamburger Fabrik und fangen wortlos an zu spielen. "Threesomething", sinngemäß "Drei irgendwas", heißt das Stück des Trompeters Nils Wülker, Nils Wülker Group seine Band. Zunächst passiert nicht viel. Man spielt sich warm, mit braven Grooves und einem braven Standardbeat. Wülker und Altsaxofonist Jan von Klewitz stellen gemeinsam das Thema vor. 

Das Publikum ist zurückhaltend, wie die Band. Bass, Keyboards, Schlagzeug, Gitarre, Drums, Saxofon und Trompete, die Standardbesetzung, klingen funky, geschmeidig, satt, und - beliebig. Bis nach etwa zwei Minuten von Klewitz überraschend explosiv zu einer ersten Improvisation ansetzt, merkt man nicht, dass man es mit Ausnahmejazzern zu tun hat. Jetzt aber taut die Band auf. Arne Jansen an der Gitarre und Drummer Jens Dohle breiten mit Wah-Wah-Pedal und Achtel-Bassdrum einen Teppich aus allerschwärzester Percussion aus, auf den Nils Wülker sein stakkatohaftes Solo legt. Er zitiert die Temptations, er flüstert und haucht Singlenotes; das tut dem Stück gut. Wülkers Trompete flirtet mit den Zuhörern, die sich gerne und willig mitnehmen lassen: Das ist bester 1970er Jahre Soul, der sofort an Herb Alpert, Miles Davis oder Raoul de Souza erinnert. Jetzt ahnt man, was für Potenzial in dem Mann und seiner Band steckt.

So schnell die musikalische Explosion kam, so schnell flaut sie wieder ab. "Three something" wird nach zwei gelungenen Improvisationen, die Spaß und Lust auf mehr machen, wieder zu dem, was es war: Irgendwas. 

Sie nehmen sich fast neun Minuten Zeit für das Stück, die Mannen um Nils Wülker. Vielleicht wäre kürzer in diesem Falle besser gewesen; der Name des Stückes hat es immerhin vorgegeben. Und Wülker hat das Zeug dazu. Er ist neben Till Brönner einer der wichtigsten Jazztrompeter des Landes. Er hat im Bundesjazzorchester gespielt, bei Sony vielbeachtete Cross-Over-CDs veröffentlicht und seine eigene Plattenfirma gegründet, "Ear Treat", zu Deutsch "Ohrenbehandlung". Wülker spielte mit Lee Ritenour und Ute Lemper, mit Silje Nergaard und Dave Grusin, der Crème de la crème des Jazz. Von diesem Auftritt in der Hamburger Fabrik aber bleibt nicht mehr hängen als der Eindruck einer austauschbaren Nummer, mit der die Jazzgeschichte des Nils Wülker wohl nicht weitergeschrieben wird. Mehr als freundlicher Beifall war dafür nicht drin. Irgendwie.

 

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vor 2204 Tagen veröffentlicht

Nils Wülker Group: „Threesomething“ - 24. März 2010 live @ Fabrik, Hamburg

von Rocco Schmitt

        Alles schön sauber gespielt, eine "coole" Performance von hervorragenden Musikern. Eine versatzstück-hafte Melodie und ein backbeat-lastiger groove, getragen vom lebhaften Spiel des Schlagzeugers Jens Dohle. Allerdings... weiterlesen ]

 

 

 

 

Alles schön sauber gespielt, eine "coole" Performance von hervorragenden Musikern. Eine versatzstück-hafte Melodie und ein backbeat-lastiger groove, getragen vom lebhaften Spiel des Schlagzeugers Jens Dohle. Allerdings könnte das Bläser-Thema genausogut in eine Pop-Produktion passen, wenn man es mit entsprechenden Gesangspassagen arrangieren würde. Für sich genommen bleiben die Phrasen des Themas aber melodisch farblos und in der unterkühlten Spielweise ohne besonderen Reiz. Die Soli von Jan v. Klewitz und Nils Wülker, dynamisch und druckvoll gespielt,  erzielen ihre Wirkung bei dem überwiegend jungen Publikum und werden mit reichlich Beifall bedacht. Ansonsten funktioniert die Rhythmusgruppe im Rahmen der Vorgaben, bedient die festgelegte Dramaturgie der Soli - und Gitarrist Arne Jansen sieht irgendwie gelangweilt aus.

Die Zeiten, in denen man Jazz klar über Swing-time definieren konnte, sind vorbei. Und auch wenn Improvisation kein exklusives Merkmal für Jazz ist, sind es bei Nils Wülkers Gruppe doch die Soli, die am ehesten eine Zusordnung zum Genre Jazz erlauben. Als Repräsentant des kommerziell Machbaren ist die Musik von Nils Wülker mehr als legitim - Geschmacksache halt. Bestimmt ein guter Act für Jazz-Festivals, die ihr Publikum verjüngen und mehren wollen und den inzwischen für diesen Zweck häufig gebuchten Pop,- oder Soulbands allemal vorzuziehen.

 

 

 

 

 

 

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vor 2244 Tagen veröffentlicht

Zwischen dem Groove und dem Nichts

von Jazz_aber

Tick-e-tack-e, vier, fünf Kadenzen, tonale Testballons: viel näher kann man der Quintessenz des Funk nicht kommen. Nils Wülker lässt seine Rhythmusgruppe abrupt und radikal auf fast null herunterfahren, um mit seiner Trompete den Raum... weiterlesen ]

Tick-e-tack-e, vier, fünf Kadenzen, tonale Testballons: viel näher kann man der Quintessenz des Funk nicht kommen. Nils Wülker lässt seine Rhythmusgruppe abrupt und radikal auf fast null herunterfahren, um mit seiner Trompete den Raum zwischen dem Nichts und dem reinen Groove auszuloten. „Threesomething“ heißt das Stück, das der 33-jährige Bonner und seine Nils Wülker Group, erweitert um den Gitarristen Arne Jansen, Ende März in der Hamburger Fabrik präsentieren. Der Vorgeschmack des taufrischen Albums „6“ hält sich quasi idealtypisch an das Credo der Funksaxofonlegende Pee Wee Ellis: „Funk is, what you don’t play“ – das Wesen des Funk besteht in der Auslassung.

Ungefähr in der Mitte des neunminütigen Stücks wird Wülkers Solo zum Solo im wörtlichen Sinne, bevor das Sextett wieder ihren Groove-Zug losrauschen lässt. Dampf machen Edward Maclean mit sublim gezupftem oder knackig geslapptem E-Bass und Jens Dohle, der seine Snaredrum wie Gleise rattern lässt. Um das Getriebe kümmert sich Arne Jansen per schnörkellosem E-Gitarren-Antrieb. Lars Duppler kleidet den Fahrgastraum mit wabernden Klangteppichen  seines Fender Rhodes E-Pianos aus.

Erst klingt das alles wie gut gemachter, für Loungeclubs tauglicher Acid-Jazz, ein moderner geschmeidiger Doo-Bop nach Art des Meisters Miles Davis, Funk, der am Hardbop kratzt, Horace Silver im modernen Gewand. Bis zum Auftritt der Hörner. Jan von Klewitz reißt aus, lässt sein Altosax raunzen und rülpsen, jauchzen und röhren, während der Begleitzug zwischendurch immer wieder gekonnt ins Stocken gerät. Dann Wülkers erwähntes Solo, gespickt mit hippen, kraftvollen Harmonizer-Passagen, dann ein Chorus, die Reprise – und die Nils Wülker Group lässt ihre Fahrt  gemütlich dorthin ausklingen, wo sie begonnen hat: im Nichts.

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2   ANGELIKA NIESCIER SUBLIM
     »Stückchen aus Geiz«

Angelika Niescier sublim live in Dinslaken: "Ein Stückchen Geiz" (comp. Angelika Niescier) von der DVD... weiterlesen ]
Angelika Niescier sublim live in Dinslaken: "Ein Stückchen Geiz" (comp. Angelika Niescier) von der DVD "GLÜCKAUF JAZZ. Angelika Niescier sublim meets MGV Concordia";
Aufgenommen am 12. Januar 2010 @ Ledigenheim;
Besetzung: Angelika Niescier (alto sax), Florian Weber (piano), Sebastian Räther (bass), Christoph Hillmann (drums). Im Hintergrund der Bergmannschor Concordia Dinslaken.

Informationen zum Konzert: Im Rahmen der „Local-Hero-Woche“ in Dinslaken zum Beginn Kulturhauptstadtjahres 2010 kam es zu einer nicht alltäglichen, musikalischen Begegnung. Der Lohberger Bergmannschor MGV Concordia stand gemeinsam mit einem Jazzquartett auf der Bühne des Ledigenheims. Die Jazz Initiative Dinslaken lud Angelika Niescier und ihr Quartett sublim für dieses außergewöhnliche Projekt ein. Kernstück des Projektes „GlückaufJazz“ waren eigens für Chor und Jazzquartett arrangierte Bergmannslieder. Im ersten Teil des Abends trug der MGV Concordia eine Auswahl bekannter Bergmannslieder vor, die jeweils durch die Jazzband „kommentiert“ wurden. Im hier zu sehenden Clip spielt das Quartett zwar vor dem Chor, tatsächlich aber handelt es sich um ein reines Quartettstück aus dem üblichen sublim-Repertoire. Text einklappen ]

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vor 2198 Tagen veröffentlicht

Multikultur andersherum - wie Angelika Niescier's Sublim eine alte Ruhrgebietstradition integrierte!

von ich1978

Im Rahmen der Local-Heroes-Wochen führte die Saxophonistin Angelika Niescier gemeinsam mit dem MGV Concordia aus Dinslaken-Lohberg eine Reihe für Männergesangsverein und Jazzquartett neu arrangierter Bergarbeiterlieder auf. Während im... weiterlesen ]

Im Rahmen der Local-Heroes-Wochen führte die Saxophonistin Angelika Niescier gemeinsam mit dem MGV Concordia aus Dinslaken-Lohberg eine Reihe für Männergesangsverein und Jazzquartett neu arrangierter Bergarbeiterlieder auf. Während im ersten Teil des Abends der Veranstaltung das eigentliche Kernstück gemeinsam mit dem Bergarbeiterchor vorgetragen wurde, bot Niescier's Quartett Sublim das vorliegende Stück ohne die Stimmgewalt der Männer dar.

 

Dass es hierbei nicht zu Stilbrüchen kommt ist dem Umstand zu verdanken, dass das Quartett jederzeit Niescier's Quartett blieb und sich auf keine stilistischen Kompromisse einließ, also die Bergarbeiterlieder lediglich kommentierte und interpretierte, sich aber nicht vom Chor als „Begleitband“ vereinnahmen ließ, wenn bei diesem etwa der berühmte „Steiger“ kam. Und so passt auch das „normale“ Sublim-Repertoire, wie es hier zu hören ist, in diesen Abend.

 

Das „Stückchen aus Geiz“ entstammt dem Album Sublim III und zeigt, warum sich die in Polen geborene Niescier selbst als „Coltrane-geschädigt“ bezeichnet. Auf der einen Seite birst jede Phrase geradezu vor emotionaler Aufgeladenheit, ist prall gefüllt mit der trancehaften Besessenheit eines Menschen der sich in jedem Ton ganz hergibt, andererseits kontrolliert Niescier genau diese Emotionalität und setzt sie bewusst ein. Auf diese Weise scheint sie der spannungsgeladenen Coolness eines Peter Materna sehr ähnlich und kommt dennoch, weil sie eher Expressiv spielt, zu völlig anderen Ergebnissen. Niescier wendet die Überlegtheit eines Steve Coleman und die Weltgewandtheit und Neugierde eines Charlie Mariano (wie dieser experimentiert sie auch mit dem Zusammenspiel mit der Oud) auf die coltranesche Kraft und Emotionalität an.

 

Mit Florian Weber sitzt dafür auch genau der richtige Mann am Klavier. Als Gründer des preisgekrönten Trios Minsarah ist er genau wie Niescier jemand der Brücken schlägt zwischen den Stilen. Auf der einen Seite zeigt er deutlich seine Wurzeln in der klassischen Musik. Auch die Eloquenz eines Gil Evans, das freiere Erbe der Tristanoschule, so wie die Kraft eines McCoy Tyner scheinen gelegentlich auf. So ist sein Spiel verwurzelt im europäischen und amerikanischen Erbe, wobei er auch letzteres u.a. durch seine Arbeit mit Gary Burton, Hal Crook, Lee Konitz und Joe Lovano aus erster Hand beziehen konnte.

Und so wirkt es beinahe wie ein Zwiegespräch, wenn Weber Niescier's Solo begleitet. Immer wieder setzt er rhythmische, dann wieder harmonische Akzente, nimmt die Solistin mit kleinen Melodiefetzen bei der Hand oder schiebt sie mit kraftvollen Klangkaskaden vor sich her. Auch als Solist verbindet Weber die sophistication des Cool Jazz mit der Power freier Stile und des sogenannten Straight Ahead Jazz. Fern von Effektspiel gelingt ihm der erzählerische Aufbau des Solos von Akkordmelodien bis hin zu schwebenden beinahe meditativen „Klangpunkten“ an den Niescier dann wieder anknüpfen kann.

 

Auf Bassist und Schlagzeuger getrennt einzugehen wäre beinahe unmöglich. Es ist der Bassist, dessen Rolle zwischen rhythmischer Basisarbeit, Akzentgebung und Harmonischer Führungsrolle aufgeteilt ist. Es ist der Schlagzeuger, durch dessen raffiniertes und fein gewobenes Spiel, wechselnd mit Sticks und den Besen, die Harmoniewechsel erst das richtige Gewicht erhält. Es sind beide, die in ihrem Zusammenspiel erst den Groove erzeugen können, auf dem das Zusammenspiel der Gruppe aufbauen kann.

Man sagte einmal, bei einem wirklich gelungenen Konzert springt der Funke von der Bühne ins Publikum und zurück. Im vorliegenden Konzertausschnitt wird deutlich, dass da vorher ein anderer Funke springen muss. Wenn Schlagzeug und Bass nicht grooven, kann der Funke zu Klavier und Bläser nicht springen. Sebastian Räther am Bass und Christoph Hillmann am Schlagzeug können nicht hoch genug für ihre feine und gefühlvolle Groove-Basisarbeit, die eigentlich Führungsarbeit ist, geschätzt werden.

 

Und es ist keineswegs merkwürdig, dass die hier beschriebene Geschlossenheit nicht die eines Kollektivs ist, in dem der einzelne als solches nicht mehr von Bedeutung ist, sondern gerade durch die Individualität der Beteiligten zu Stande kommt. Es war keineswegs ein normales Jazzkonzert. Das macht der geschlossen anwesende und emotional sichtlich beteiligte Bergarbeiterchor ebenso deutlich wie die Fotostrecke zum Projekt, die Niescier auf ihrer Internetseite präsentiert.

Die Frage, wie denn das Verhältnis von Jazz zur gemeinhin als Volksmusik, oder Tradition bekannten Klangkunst sei, schwingt ebenso mit, wie die Frage nach dem Platz von althergebrachter Kultur im Zeitalter von Internet und globaler Patchworkkultur. Auch das war ein Ansinnen des Projektes der Kulturhauptstadt 2010, das mit dem Motto „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ zum Ausdruck gebracht werden sollte. Und so sollte Althergebrachtes vor dem Hintergrund von neu hinzugewonnenem neu interpretiert werden und daran wachsen. Insofern ist Kultur immer auch Multikultur gewesen.

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vor 2209 Tagen veröffentlicht

„Glück auf Jazz“ – Begrenztheit des Materials und die Kraft des Ensembles

von mortensen

  Was verbindet Angelika Niesciers Jazz-Quartett „sublim“ mit dem Lohberger Bergmannschor MGV Concordia, die im Rahmen der „Local-Hero-Woche“ in Dinslaken gemeinsam auf einer Bühne konzertierten? Man ahnt es in Niesciers... weiterlesen ]

 

Was verbindet Angelika Niesciers Jazz-Quartett „sublim“ mit dem Lohberger Bergmannschor MGV Concordia, die im Rahmen der „Local-Hero-Woche“ in Dinslaken gemeinsam auf einer Bühne konzertierten? Man ahnt es in Niesciers Beitrag „Ein Stückchen Geiz“. Aus einem Zustand äußerster Reduktion spielten sich „sublim“ hier gemeinschaftlich in eine improvisatorische Freiheit hinein. Sie machten damit die Kraft des Ensembles erlebbar und ließen an traditionelle kameradschaftliche Werte denken, die auch in der kargen Bergmannswelt dafür gut waren, individuelle Grenzen zu überwinden.

 

 „Glück auf“ wünscht man sich unter Bergmännern und meinte damit ursprünglich, es mögen sich während der Schicht neue Erzgänge auftun. Von deren Suchen und Finden hing der Lohn ab. Material und Materielles hingen untrennbar und unvorhersehbar zusammen. Gut war beraten, wer vorsorglich mit knappen Ausgaben haushielt.

 

 „Ein Stückchen Geiz“ basiert auf sehr reduziertem thematischem Material, fast verbirgt es mehr, also es preisgibt. Auf der Basis einer dunklen Basslinie stellt Niescier im Saxophon zunächst nur einen einzigen Ton vor, der die Keimzelle des ganzen Stückes bildet, ein H, die Quint zum tonalen Zentrum e-Moll und damit seltsam im Raum schwebend, ohne feste Grundierung. Das Klavier nimmt diesen Ton wieder auf, schlägt ihn an, und Niescier stellt ein Thema bei, dessen Kernmotiv im engen Tonraum einer Terz verbleibt, sich in anderer Tonlage wiederholt, kurz ausgreift und wieder in sich zusammenfällt, verschwindet. Selbst im Metrum scheint etwas zu fehlen, den 7/4-Takt möchte man als verkürzte Periode von zwei 4/4-Takten wahrnehmen.

 

Das knappe und zugleich komplexe Metrum bildet indes ein implizites, von außen kaum wahrnehmbares Band, welches die vier Musiker während ihrer gesamten Darbietung miteinander verbindet. Gleichsam magisch kommen Klavier, Bass, Saxophon und Schlagzeug immer und immer wieder auf genau einen signalhaften Punkt, den Themeneinsatz, zusammen. Eine Atmosphäre der Sicherheit, des Vertrauens und blinden Einverständnisses bildet sich allmählich aus und zeigt Wirkung. Nach der Phase der vorsichtigen Zurückhaltung begibt sich Angelika Niescier während ihres Solos in ekstatische Skalen hinein, erzählt virtuos von aufregenden und unbekannten Geschichten und stellt in neuen Zusammenhängen immer wieder den einzelnen Ton H des Anfangs heraus, ihr Ausgangsmaterial. Florian Weber wiederum lässt das Klavier in seinem Solo zeitweise wie laute Glockenschläge klingen, schafft impressionistische Klangräume, deren Tonalität kühn voranschreitet und keine Grenzen kennt. Sebastian Räther unterstützt am Bass mit großem Ambitus, weitschweifigen, ideenreichen Ausflügen. Das obertonreiche Schlagzeug von Christoph Hillmann, überwiegend mit Besen gespielt, stiftet einen luftigen, fein gewobenen Teppich für das Geschehen. Man reißt sich gegenseitig mit, arbeitet sich vor, (er-)findet gemeinsam Neues.

 

Als das Thema am Ende wiederkehrt, ist Geiz und Zurückhaltung einer Atmosphäre der bescheidenen Gelassenheit und des Glücks gewichen. Angelika Niescier ist es, die schließlich den Klang in Geräusche auflöst und ihn an die Stille zurückgibt. Die Schicht ist beendet. Man möchte sicher meinen, dass sich heute neue Gänge aufgetan haben.

 

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vor 2213 Tagen veröffentlicht

Glück auf Jazz – Vom Heben eines musikalischen Schatzes.

von musik:kritik

  Frauen am Saxofon gehören nach wie vor zu den Ausnahmeerscheinungen in der weltweiten Jazzszene. Doch die Kölnerin Angelika Niescier beweist uns seit einigen Jahren, dass sie ihren männlichen Kollegen an Können, Improvisationstalent... weiterlesen ]

 

Frauen am Saxofon gehören nach wie vor zu den Ausnahmeerscheinungen in der weltweiten Jazzszene. Doch die Kölnerin Angelika Niescier beweist uns seit einigen Jahren, dass sie ihren männlichen Kollegen an Können, Improvisationstalent und Experimentierfreudigkeit sicher  in nichts nachsteht und betritt mit vehementer Entschlossenheit gleich eine weitere musikalische Männerdomäne: die Bergmannslieder.

 

Stillgelegte Zechen  könnten zu unseren antiken Stätten von morgen werden. Das erkannten schon die Bechers und bannten die spezielle Aura dieser Industriebauten auf Schwarz-weiß- Fotografien. Die Faszination der Zeche  ist ungebrochen. Dort treffen sich die Szenen, entstehen Clubs und Kunstprojekte.  Ihre markanten Silhouetten sind die Ikone des Ruhrpotts.

 

Doch die eigentlichen Protagonisten der Zechen  und deren Untertagekultur sind über diese ästhetische Stilisierung ein bisschen  in Vergessenheit geraten. Genau an der Stelle setzt Angelika Niesciers außergewöhnliches Projekt „Glück auf Jazz“ an und widmet einen Abend dem Repertoire jener  Bergmannslieder.  Richtig spannend wurde dieses Experiment vor allem dadurch, dass Niescier und ihr Quartett sublim (Angelika Niescier, alto sax; Florian Weber , piano; Sebastian Räther, bass; Christoph Hillmann, drums) den Lohberger Bergmannschor MGV Concordia dafür ins Boot holten.

 

Im Januar 2010 standen Chor und Quartett  im Rahmen der „Local-Hero-Woche“  in Dinslaken zum Beginn des Kulturhauptstadtjahres 2010 gemeinsam auf der Bühne des Ledigenheims und präsentierten das Ergebnis dieser musikalischen Annäherung. Während im ersten Teil des Abends der MGV Concordia eine Auswahl bekannter Lieder vortrug, die jeweils durch die Jazzformation „kommentiert“ wurden, überraschten sie im zweiten Teil mit eigens für Chor und Quartett arrangierten Bergmannsliedern.

 

Beinahe anrührend wirkte die Männerriege der Kumpels, die mit großer Ernsthaftigkeit geschlossen hinter der Jazzformation auf der Bühne stand und hochkonzentriert  deren Interpretationen und Responsen verfolgte. Sublim überzeugte in diesem Programm auch mit eigenen Kompositionen, wie beispielsweise „Stückchen aus Geiz“ aus Niesciers aktuellem Album „Sublim III“.  Das feinsinnige, transparente Spiel der Saxofonistin, die Reminiszenzen an Coltrane und die leicht melancholische Stimmung fügten sich musikalisch in das Rahmenkonzept ein.

 

Letztendlich ist eine Verknüpfung von Jazz und Arbeiterliedern kein Novum, und dennoch wirkte sie in diesem Falle frisch und nicht zuletzt durch die Einbeziehung des Chores aufrichtig. Auch die Hinwendung zur Regionalkultur und das Verarbeiten des vermeintlichen Lokalkolorits gehört in Deutschland in vielen Sparten mittlerweile zum Trend, wobei dies nicht immer frei von Kitsch abläuft. Im Falle von „Glück auf Jazz“ ist es den Musikern durch ihre Ernsthaftigkeit in der musikalischen Auseinandersetzung und fernab von nostalgischer Beschönigung gelungen, einen wahren musikalischen Schatz zu heben.



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vor 2213 Tagen veröffentlicht

Jazz mit Kohletupfern – sublim trifft auf den Lohberger Bergmannschor MGV Concordia

von jass

Ein Ton ist ein Ton. Leise, knarzend, sonor, harmonierend oder im Kontrast. Welche zusammen gehören zeigt Angelika Niescier im Ledingheimer Konzertraum zwischen Stille und Zusammenspiel mit ihrem Quartett sublim. Denn in Raffiniertheit ergänzen sie... weiterlesen ]

Ein Ton ist ein Ton. Leise, knarzend, sonor, harmonierend oder im Kontrast. Welche zusammen gehören zeigt Angelika Niescier im Ledingheimer Konzertraum zwischen Stille und Zusammenspiel mit ihrem Quartett sublim. Denn in Raffiniertheit ergänzen sie sich im „Stückchen Geiz“.

Die auf- und absteigenden Akkorde des Pianisten Florian Weber durchziehen die Basstupfer des Sebastian Räther mit Schlagzeugbüscheln von Christoph Hillmann. Ein Fundament für Angelika Niesciers Melodien, die so eingängig und neugierig auf jeden weiteren Ton machen – und wie sie fortgesponnen werden im filigranen Netz des Quartetts. Sublim. Raffinierte, verfeinerte Klänge, die dem Ohr Raum und Neugierde verleihen.

 

Hinter ihnen der Lohberger Bergmannschor MGV Concordia, der mit Angelka Niesciers Quartett „sublim“ gemeinsam auf der Bühne in Ledigenheim stand. Im Rahmen der „Local-Hero-Woche“ in Dinslaken trafen sie zu Beginn des Kulturhauptstadtjahres 2010 zusammen – auf Einladung der Jazz Initiative Dinslaken hin – und schafften eigens für das Projekt „GlückaufJazz“ Arrangements von Bergmannsliedern für Chor und Jazzquartett. Diese waren im ersten Teil des Abends zu hören bis sublim mit ihrem eigenen Repertoire die Brücke ins Publikum nahm; wie mit dem Stück „Stückchen Geiz“, daß sich seinen Weg in die Ohren der Zuhörer bannte. Ein Beginn mit ohrwurmverdächtiger Saxophonmelodie, die in der musikalischen Fortspinnung das Variantenreichtum Angelika Niesciers und das fein pulsierende Spiel ihres Quartett offenbart. Pausen, die zu Musik werden und Klänge, die aufhorchen lassen.

Die Echo-Preisträgerin des Jahres 2010, Angelika Niescier, sowie Leiterin und Komponistin des „German Women Jazz Orchestra“ betritt in diesem Jahr im Herbst 2011 noch weitere neue Gebiete: In Mexico City wird sie ein Artist-In-Residency-Programm des Goethe Institutes unter dem Titel „Nationale Traumata“ antreten in Zusammenarbeit mit mexikanischen Künstlern aus den Bereichen Musik, Theater und Tanz. Man darf gespannt sein, was die gebürtige Polin in ihre Wahlheimat Köln wieder mitbringt.

 

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vor 2214 Tagen veröffentlicht

Gar nicht geizig: sublim live in Dinslaken

von jazzgeht'slos

„Geiz lässt sich nicht improvisieren“? Hätte der Dichter und Urheber dieser Weisheit, Yvan Goll, doch schon Angelika Niescier und ihr Quartett sublim gekannt… Denn ihr „Stückchen aus Geiz“ von der DVD... weiterlesen ]

„Geiz lässt sich nicht improvisieren“? Hätte der Dichter und Urheber dieser Weisheit, Yvan Goll, doch schon Angelika Niescier und ihr Quartett sublim gekannt… Denn ihr „Stückchen aus Geiz“ von der DVD „Glückauf Jazz. Angelika Niescier sublim meets MGV Concordia" hat es in sich.

 

 

 

 


Zu Beginn des Kulturhauptstadtjahres 2010 ließ sich Angelika Niescier – ihres Zeichens Saxofonistin, Komponistin und Echo-Jazz-Preisträgerin – zu einem besonders wagemutigen Experiment hinreißen. Unter dem Motto "bergmännisches Liedgut trifft zeitgenössischen Jazz" betrat sublim am 12. Januar 2010 im Ledigenheim in Dinslaken während der "Local-Hero-Woche" zusammen mit dem Lohberger Bergmannschor MGV Concordia die Bühne und gleichzeitig musikalisches Neuland.

 

 

Die Auftragsarbeit der Dinslakener Jazzinitiative stellte für die in Polen geborene und in Köln lebende Künstlerin eine Herausforderung dar. Mit "Glückauf Jazz" beweist Niescier unzweifelhaft, dass steinalte Bergmannslieder alles andere als angestaubt sind. In eigenwilligen Arrangements, z. B. das des Knappenhauers „Glück auf der Steiger kommt“, steckt sie die Kohlechansons in ein cooles Jazz-Gewand: burschikoseBergmannsgesänge, erfrischend anders.

 

 

Mal singt die Concordia unter der Leitung von Norbert Grundhöfer ihre Zechenlieder a cappella, mal begleitet das Jazz-Quartett sublim diskret, mischt sich aber durch eindrucksstarke Soli ins musikalische Geschehen ein. Und dann gibt es noch eine handvoll bereits existierender Eigenkompositionen, in denen sich die Band fantasiereich seiner Eigendynamik hingibt und die Herren Sänger schweigen. Eine davon ist „Stückchen aus Geiz“.

 

 

Das 2000 gegründete Quartett mit dem bedeutungsschwangeren Namen, der das „Erhabene“ längst in sich trägt, geizt hier nicht mit Einfühlungsvermögen und Ideenreichtum. Als Mitspieler holte sich Angelika Niescier mit Florian Weber (Piano),  Sebastian Räther (Bass) und Christoph Hillmann (Schlagzeug) erstklassige Musiker ins Boot, die mit dem hohen Energielevel der Bandleaderin locker mithalten können und sich sichtlich gerne mit ihr in die Abenteuer der atonalen Avaritia stürzen. Während DER Bergmannschor vom Niederrhein brav in Warteposition verharrt und dabei etwas einer westfälischen Variante von Ina Müllers TV-Shantychor gleicht, erklimmen die erhabenen Vier unbeirrbar atemberaubende Kreativ-Höhen.  

 

 

Zu Beginn noch etwas scheu, wird aus der federnden Bassfigur, den dezenten Drums und Florian Webers debussylastigen Akkordschichtungen peu à peuein Groove für Erwachsene. Das zuvor noch hereinschleichende Saxofon fesselt bei der Wiederholung des Themas mit Präsenz, gefolgt von Tonwechsel-Echos im Piano. Überhaupt ist an diesem Abend der Triller Trumpf.

 

 

Im Soloteil zeigt Niescier, dass sie ihre Skalen gut geübt hat. Die blitzschnellen Läufe könnten bei oberflächlichem Hinhören ein klitzekleines Manko an Präzision aufdecken. Oder will sie damit nur ihre Truppe vorantreiben? Denn das Getöse wird immer wilder, obwohl genauer betrachtet System dahintersteckt.

 

Hier reiht die Tausendsassa filigraneFloskeln, Jazz- oder Funk-Patterns, hintereinander, dort gibt sie sich dem Klangmosaik mit ausgefeilten Techniken hin. In ruhigeren Passagen lassen die lyrischen Linien das Jazzerherz aufgehen. Schon oft fiel der Vergleich zu John Coltrane. Und in der Tat verbindet Niesciers Spiel mit seinen „sheets of sounds“ eine extreme rhythmische Verdichtung der Notenwerte. Wie bei Coltrane hat man das Gefühl, als lägen neben dem aktuellen Ton noch die vorherigen Töne in der Luft.  

 

 

In der Stückmitte hat die Rhythm Section ihren großen 4minütigen Auftritt. Zwischen dem hereinplätschernden Bassintermezzo und den von Christoph Hillmann galant geschwungenen Holzbündeln, genannt Roots, blitzt ab und an ein farbenreicher Intervallwechsel aus dem Klavier hervor. Inmitten der dramatischen Steigerung mit verschienenden Modi und minimalisch anmutenden Quart-Patterns stellt Sebastian Räther in seinem Bass-Solo intonationssicher seine „Vielsaitigkeit“ unter Beweis.

 

 

Das Thema kehrt frisch zurück, knackig auf den Punkt gespielt, fast keck, und endet in einer virtuosen Saxofonkadenz. Legato-Läufe vergehen immer mehr zu luftigem Sound, der von kessem Klappenklang übertönt wird – bis zum Schluss nur noch ein langer leiser Ton übrig bleibt, der irgendwie nach einem „Einfrau-Unisono“ klingt. Selbst der Drummer nickt der Komponistin und Interpretin nach getaner Arbeit gönnerhaft zu – gerade so, als wolle er sagen: Dieses Stückchen Geiz ist geil!

 

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vor 2241 Tagen veröffentlicht

Angelika Niescier meets MGV Concordia: Der Blues des Bergarbeiters

von Buio

      Es gibt Dinge, die unvorstellbar sind, von denen wir aber trotzdem meinen, dass wir sie sehr gut kennen. Das Leben des Bergmanns ist ein solches Phänomen. Die Bergbaumuseen in ehemaligen Zechen des Ruhrgebiets und das... weiterlesen ]

 

 

 

Es gibt Dinge, die unvorstellbar sind, von denen wir aber trotzdem meinen, dass wir sie sehr gut kennen. Das Leben des Bergmanns ist ein solches Phänomen. Die Bergbaumuseen in ehemaligen Zechen des Ruhrgebiets und das Zur-Schau-Stellen des Bergbaus im Rahmen kultureller Großveranstaltungen wie Ruhr 2010 geben uns den Eindruck, dass wir uns mit der Bergmannswelt eigentlich gut auskennen – als wären wir ganz nah dran am Leben „unter Tage“.           

 

Dass diese Annahme großer Unfug ist, beweist das Projekt „GLÜCKAUF JAZZ: Angelika Niescier sublim meets MGV Concordia“. Wir können das Leben des Bergarbeiters nicht vollständig verstehen. Es ist uns entrückt. Bergarbeiter sind eine Minderheit geworden – ähnlich der Bauern, die im Fernsehen in Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ exotisiert und der Lächerlichkeit preisgegeben werden, weil deren Leben für die meisten von uns so unvorstellbar geworden ist.

 

 

Wenn also Angelika Niesciers Jazzquartett mit dem Männergesangsverein Concordia in der stillgelegten Zeche Lohberg in Dinslaken musiziert, dann ist das kühn. Nicht weil dabei scheußliche Musik entstehen könnte, sondern weil hier Kulturen aufeinander treffen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Gewagtheit des Projekts wird schon an den Gegensätzen der Protagonisten deutlich: Im Vordergrund der Bühne gastieren die Jazzmusiker Angelika Niescier (alto sax), Florian Weber (piano), Sebastian Räther (bass) und Christoph Hillmann (drums), die sich weiträumig verteilt haben. Das Quartett besticht von Beginn an durch Entspannung und Präzision, Leichtigkeit und Perfektion. Durch Räthers konzentriertes Mitwippen am Bass und Hillmann’s lässige Beherrschung des Schlagzeugs wird dies auch optisch immer wieder deutlich. In sich gekehrt und doch in ständigem Blickkontakt vermitteln die Künstler eine der wichtigsten Grundeigenschaften des Jazz: die Freiheit zum individuellen Entfalten innerhalb der Gruppe.

 

In völligem Kontrast dazu stehen im Hintergrund in Reih' und Glied aufgestellt die etwas betagten, uniformierten Männer des Gesangsvereins. Ihre identische Haltung und ihr meist seriöser Gesichtsausdruck vermitteln die Grundwerte ihres Vereins: Gemeinschaft und Tradition – Würde, Anstand und Solidarität. Im Verlauf der fast zwölfminütigen Aufführung von „Stückchen aus Geiz“ ändert sich der Gesichtsausdruck der Männer kaum. Sie haben gerade Pause und scheinen pflichtbewusst ihrer Aufgabe nachzugehen: Sie warten und hören zu.

 

 

Die Kunstfertigkeit der vier Jazzmusiker ist dabei so ausgereift, dass sie Gefahr läuft, die intendierte Wirkung des Konzerts – das Zusammenführen der Kulturen – zu untergraben. Denn im Angesicht der entspannten, kunstvollen Perfektion wirkt das ernsthafte Handwerk des Chores leicht wie steifer Dilettantismus. Möchte man die Kultur der Bergarbeiter verstehen, oder hat man die „Männers“ dort oben aufgereiht, um sich über sie lustig zu machen? Oder vielleicht noch schlimmer: um sie zu bemitleiden?

 

 

Dass weder Ersteres noch Letzteres geschieht, ist vielleicht die wichtigste künstlerische Errungenschaft des Quartetts um Angelika Niescier. Denn man merkt den Künstlern und ihrer Musik in jedem Moment an, welchen Respekt sie vor der Vergangenheit und der Kultur der Männer haben, mit der sie sich in den vergangenen Wochen musikalisch beschäftigten. In Kompositionen wie „Stückchen aus Geiz“ hört man aber auch, wie wenig fassbar die Welt des Bergbaus für die Musiker ist. Ähnlich der Bergbauvergangenheit entzieht sich die Musik häufig unserem Verständnis. Die Taktart ist mehrdeutig und kann vom erfahrenen Musiker wahlweise als durchgehender Siebenvierteltakt oder als eine Kombination mehrerer anderer Taktarten gedacht werden. Das Metrum erschließt sich dem Zuhörer niemals ganz.

 

 

Niesciers Komposition ist aber nicht bloß als Versuch zu begreifen, an den zeitgenössischen Jazz mit seiner rhythmischen Experimentierfreude anzuknüpfen. Das Indefinite in Niesciers Musik ist ein Konzept. Es suggeriert Unerreichbarkeit – die Unmöglichkeit, das Vergangene und Ferne greifbar zu machen. Die Bergmannskultur ist nichts, was wir durch das Aufblasen kultureller Großveranstaltungen verstehen können. Ganz im Gegenteil: Verstehen können wir nur, wenn wir Unwissenheit zulassen. Und diese Unwissenheit wird zum Ausganspunkt einer Komposition, bei der wir uns wundern, wie viel wir schließlich doch mitgenommen haben. Das einfache, immer wiederkehrende Motiv hallt noch lange in unseren Ohren nach. Und man schließt den Clip mit dem Gefühl, dass Niesciers Musik uns die Kultur der Bergarbeiter, wenn auch nur für einen Moment, zum Greifen nahe gebracht hat.              

 

 

 

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vor 2247 Tagen veröffentlicht

Von Zechenliedern inspiriert: das Quartett sublim

von SU

  Manche im Publikum sangen mit als sublim, das Quartett um die Saxophonistin und Komponistin Angelika Niescier, im Rahmen des Projektes „Glück Auf Jazz“ an der Seite des Bergmannschores MGV Concordia der stillgelegten Zeche Lohberg... weiterlesen ]

 

Manche im Publikum sangen mit als sublim, das Quartett um die Saxophonistin und Komponistin Angelika Niescier, im Rahmen des Projektes „Glück Auf Jazz“ an der Seite des Bergmannschores MGV Concordia der stillgelegten Zeche Lohberg beherzt und ohne Berührungsängste das Bergmannslied „der Steiger“ kommentierte. Für das ungewöhnliche Zusammenspiel zur „Local-Hero-Woche“ am 12. Januar 2010 im Ledigenheim in Dinslaken hatte Niescier zwei Welten behutsam einander angenähert, indem sie Bergmannsweisen eigens für Männergesangsverein und Jazzcombo neu arrangierte. Zuhörer blieben die Sänger aber, als sich im zweiten Teil des Konzertes mit Niesciers Komposition „Stückchen aus Geiz“ die doch so ganz eigene Klangwelt von sublim eröffnete. Das Stück, veröffentlicht auf „Sublim III“ (Enja, 2009), dem mit dem Vierteljahrespreis der deutschen Schallplattenkritik und dem Jazz Echo 2010 ausgezeichneten dritten Album des Quartetts, steckt so ganz anders als die Bergmannsweisen weder in einem rhythmisch formenden Korsett, noch hat es eine kalkulierbar nach vorne drängende Melodie. Sparsam ist es. Seine zarte Poesie belässt alles in seiner Eigenart, als stünden Angelika Niescier (Altsaxophon), Florian Weber (Piano), Sebastian Räther (Bass) und Christoph Hillmann (Schlagzeug) nur etwas erhöht in der Klanglandschaft, die es zu bereisen gilt. Sie blicken gemeinsam in eine Richtung und bewegen sich doch wohltuend offen in eigenen Gangarten.

 

Sebastian Räther eröffnet am Bass, zieht Schlagzeug, Piano und erst etwas stolpernd das Saxophon ins Geschehen – als zögen sich die Gespielen zögernd gegenseitig in einen Handlungsraum, der einerseits vom zuvor mitsingenden Publikum, andererseits vom nun konzentriert lauschenden Bergmannschor Concordia begrenzt wird. Doch Concordia, die Eintracht, diese schöne altmodische Vokabel, beschreibt bald auch das Zusammenspiel von sublim vortrefflich. Sichtlich wuchs die Lust am Zusammenwirken. Florian Webers Piano konnte dabei durchaus mit Pathos aufbrausen, mit mächtiger Akkordgeste. Mit Akkordhieben gar strebte er, am Flügel-Cockpit zeitweise die Regie übernehmend, dem Höhepunkt zu, um sodann rasch wieder in die Offenheit von scheinbar lose gelegten Tonfolgen zu gleiten, ausbalanciert in einer Spielhaltung irgendwo zwischen strenger Klassik, einem tänzelnden Latin-Feeling und den filigranen Improvisationen eines Jazz-Meisters wie Lennie Tristano. Immer aber spielte sich das Gemeinsame nach vorne. Weite Strecken, in denen der Spielfluss fast zu versiegen schien, kamen dabei sogar ganz ohne das Saxophon aus. Zum frei assoziierenden Bass verzahnten sich dann Schlagzeug und Piano als schnurrendes Takt-Werk. Unaufhaltsam vorwärts strebend, bald loslassend, ja ablassend gab Christoph Hillmann dabei den Gangregler, der das Uhrwerk sublim äußerst dezent präzisierte. So touchierte der Schlagwerker sein Blech mit einer prallen Hand voll zarter Hölzchen, und lies es neben Räthers Bass weich in den Hintergrund sinken, um sodann wieder zum Trommelstock zu greifen und durch den feinen Kontrast zum in Stäbchenmanier Gesagten sich klar aber nicht durchschlagend als Klang zu behaupten. In der Dynamik des Treibens und sich treiben Lassens des traumwandlerisch perfekten Miteinanders kehrt die Band zum Ausgangsmotiv zurück. Die Zechenlieder der Bergmannschöre drohen heute zu verstummen, und so beschloss Niescier das „Stückchen aus Geiz“ vielleicht vom Augenblick inspiriert mit einem atemberaubend atemlosen, ja fast lautlosen Saxophonalleingang.

Eine Band wie Sublim holt sich ganz selbstverständlich Inspiration vor Ort und macht Jazz zur Methode. Das von der Jazz Initiative Dinslaken im Kulturhauptstadtjahr 2010 angeregte Projekt „Glück Auf Jazz“ aber kann auch als ein Kabinettstück für das seit einiger Zeit schon zu beobachtenden Bestreben gelten, den Jazz in Europa in der eigenen Tradition zu verwurzeln und die Verbindung zum Afro-Amerikanischen Ursprung allmählich zu lockern - eine der derzeit wohl spannendsten Entwicklungen im zeitgenössischen Jazz.


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